Hintergrund

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Thematik „Bier“ aufgrund meiner Passion, dem Biertesten.
Dadurch habe ich sehr viele Brauereien bereits besucht, bin viel durch Mitteleuropa gereist, habe etliche Bierfestivals frequentiert, mich mit unzählbar vielen Leuten aus den unterschiedlichsten Bereichen über sämtliche Inhalte der Materie „Bier“  unterhalten und mittlerweile auch eine Anzahl von fast 5000 verschiedenen Bieren probiert.
Eine extreme Bandbreite an Informationen bieten dann vor allem auch etliche Internetplattformen.

Das führt natürlich dazu, dass man immer ein Auge auf die Entwicklung sämtlicher Brauereien hat, insbesondere was deren Sortiment angeht.
Beeindruckend ist da gerade die Entwicklung in klassischen, ursprünglich nicht für Bier bekannten Ländern wie den USA, Dänemark, Schweden, Italien und nun auch u.a. Spanien. Hier sprießen seit ein paar Jahren Brauereien nur so aus dem Boden, die sich dann doch sehr spezialisieren und oftmals eine interessante Auswahl an verschiedenen Sorten brauen.
Viele Brauer haben sich dabei einen Namen bei Bierliebhabern in der ganzen Welt gemacht, selbst wenn die Verfügbarkeit der einzelnen Biere sehr begrenzt ist.
Durch Versand, Tausch und durch gemeinsame Verköstigungen hat man aber dennoch gute Chancen, viele der Exklusivitäten zu probieren.

Doch auch in klassischen Bierländern finden sich in der fortwährenden Entwicklung ständig neue, teilweise auch verbessernde und zumindest positive Strömungen, die die vorherrschende Bierkultur bestätigen oder sogar bereichern.

Etwas anders sieht es in Deutschland aus, eigentlich natürlich auch ein klassisches Bierland. Unumstritten ist natürlich eine große Vielzahl von grandiosen Bieren, die sortentechnisch meist eng miteinander verwandt sind und aus der Tradition heraus großartig sind.
Doch was stellt man fest, wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre bis Jahrzehnte themenbezogen in Deutschland ansieht?  

Der Trend entfernt sich immer mehr von den klassischen Vollbieren (von Starkbieren ganz zu schweigen), sodass die meisten Brauereien eher mit Alkoholfreien, Leichtbieren und Biermischgetränken versuchen aufzutrumpfen als mit wirklich neuen Bierkreationen, die auch wirklich etwas an Geschmack bieten.

Diese Entwicklung wird natürlich durch die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung vorgegeben, die den auch vor der Bierwelt nicht halt machenden Trend zu immer mehr zugesetztem Zucker und Farbstoffen sowie Geschmacksverstärkern unterstützt. Deren unnötige Verwendung bei der Herstellung von Lebensmitteln sehen wir mehr als kritisch.
Doch auch der Ruf anderer Bevölkerungsgruppen nach stetig weniger Alkohol sehen wir nicht als geeigneten Weg, da Alkohol in angemessenen Mengen zu mehr Lebensfreude verhelfen kann und neben einem häufig erwähnten gesundheitlichen Aspekt halt die Menschen über Jahrhunderte soviele wohlschmeckende Produkte entwickelt und kreiert haben, die man als Freund von gutem Essen und Trinken nicht missen will.


Die Qualität und speziell die sensorischen Merkmale von Lebensmitteln (und vermutlich auch von anderen Produkten) werden jedoch in unserer Gesellschaft nicht mehr genügend geschätzt und rücken immer mehr in den Hintergrund oder wie sonst ist es möglich, dass ein 20er Kasten Bier für 5 Euro in Ihrem örtlichen Getränkemarkt zu finden ist?
Das Wort „billig“ springt einem sowieso viel zu häufig feindlich ins Auge. Irgendwo muss gespart werden und Sie sind mit Sicherheit der Leidtragende.
Die allgemeine Verkümmerung der Geschmacksnerven ist in vollem Gange. Das Beschriebene kann man mit offenen Augen bei vielen Beispielen sehen.

Insgesamt spricht man immer vom Brauereisterben in Deutschland, was auch zutreffend ist, wenn man von mittelständischen Brauereien spricht, die die spottbilligen Preise mancher Konkurrenten einfach nicht halten können und die dadurch zu viel Stammkundschaft verloren haben.
Dafür machen eine Vielzahl von Hausbrauereien auf, deren Ausbreitung in den 1980er Jahren in Deutschland begonnen hat. Dennoch sind nur ganz wenige von diesen stellvertretend für eine ansprechende und vielseitige Bierkultur, da man meist das gleiche, triviale Gebräu vorgesetzt bekommt, egal ob man in Niedersachsen, Thüringen oder Baden-Württemberg ist.
Das unfiltrierte Aussehen des Bieres wird immer gerne als besonderes Merkmal der Frische herangezogen, wobei man dazu sagen muss, dass viele Brauereien ihr Bier schon so jung verkaufen, dass es nicht selten noch nach Maische schmeckt und auch weitere unvergorene Geschmacksnoten mitbringt.

Kein Wunder, wenn wir Deutschen (uns zwar selber immer an der Spitze der Bier- und Brauereiwelt sehend) aber nicht einmal eine Bierkonsumentenvereinigung nach Vorbild der European Beer Consumers Union (www.ebcu.org) besitzen, die sich für eine unbedingte Vielfalt im internationalen Sinne und letztendlich für den guten Geschmack einsetzen, wobei hier gerade die Mikrobrauereien unterstützt werden.
Organisationen finden sich dabei nicht nur in klassischen Bierländern wie Großbritannien, Belgien, Tschechien und Österreich, sondern auch in Italien, Frankreich, in Finnland, in der Schweiz und in einigen anderen Ländern.
Das deutsche Interesse ist da bisher sehr gering oder einfach nur latent. Wieso sonst findet man höchstens eine Handvoll Besucher aus Deutschland bei den internationalen Festivals im benachbarten Ausland (zu denen sogar Scharen von Amerikanern, Skandinaviern und Italienern  pilgern)?

Es liegt halt einfach daran, dass Biere aus anderen Ländern nur selten in Deutschland zu finden sind und dass gerade die angebotenen Marken zumeist alles andere als repräsentativ für die Bierkultur des entsprechenden Landes sind.
Wer naserümpfend nun über Biere herziehen will, die nicht nach dem Deutschen Reinheitsgebot gebraut werden, dem sollte bewusst sein, dass Zutaten wie Gewürze und Früchte oder rohes Getreide genauso natürlich sind wie die anderen Produkte auch und dass abgesehen von Allergien kein logischer Grund gegen die Verwendung spricht.

Im Gegenteil: Immer mehr Brauereien beweisen, wie vielseitig Bier sein kann und welcher komplexe Genuss dahinter steckt, auch ohne Reinheitsgebot. Dieses  stammt schließlich aus einer Zeit, wo man auch gerne mit Fliegenpilzen, Tollkirschen und Bilsenkraut herumexperimentiert hat.

Das dies heutzutage überholt sein dürfte, sollte so offensichtlich sein wie die Tatsache, dass laut Gebot auch Weizen und die seinerzeit noch unbekannte Hefe nicht auf der erlaubten Zutatenliste standen. Gerste sollte ja auch nur verwendet werden, da die knappen Weizenvorräte zur Brotherstellung benötigt wurden.
In Zeiten von allgemeiner Überproduktion sehe ich also keinen direkten Bezug zu dem fast 500 Jahre alten Gesetz, dessen Umsetzung noch zur Zeit der Entstehung mit körperlichen Strafen verteidigt wurde.

Ich will mich hier mit Sicherheit nicht für eine konsequente Abschaffung des Reinheitsgebots aussprechen, aber ich will mich auch nicht verbindlich und ohne Ausnahme danach richten, selbst wenn ich selber kein Brauer bin.
Ich – für meinen Teil – bin sowieso sehr kritisch gegenüber Verordnungen, die aus einer Zeit stammen, wo man Menschen wie Kopernikus und Luther verfolgt hat und die „Heilige Inquisition“ sich noch immer in ihrem Blutrausch befand.

Viele Deutsche kommen erst ins Grübeln, wenn Sie mit den Tatsachen konfrontiert werden.
Dass die Herstellung von Bier mit vier verschiedenen Zutaten nur eine sehr beschränkte Geschmacksvielfalt bietet, dürfte deshalb auf der Hand liegen, sodass Kritiker nicht zu Unrecht vom „deutschen Einheitsbier“ sprechen, welches den individuellen Geschmack nicht befriedigen kann. Schließlich werden zumeist sogar die gleichen Malz- und Hopfensorten sowie die gleichen Hefestämme verwendet.

Vergleichbar ist die Situation beispielsweise mit Brot. Um ein Brot zu backen, benötigt man im Grunde lediglich Wasser, Mehl und ein Triebmittel. Mehr braucht man grundsätzlich nicht dazu. Doch was findet man heutzutage bei einem Blick in die Auslagen von Bäckereien?
Eine großartige Auswahl von verschiedensten Brotsorten alleine hierzulande. Ob nun mit verschiedenen Mehlsorten, mit Kernen und Körnern oder mit Obststücken, Möhren oder Kartoffeln. Was auch immer die Fantasie zulässt und gut zueinander passt.
Was hat man also in Deutschland gegen ein Bier einzuwenden, welches mit Koriander oder mit Kirschen gebraut wird?  Solange es schmeckt und nicht schädlich ist, sollte es doch jedem recht sein, oder?

Zu der oftmals langen bis sehr langen Haltbarkeit der Biere bei korrekter Lagerung ist zu sagen, dass diese durch den nicht unwesentlichen Alkoholgehalt sowie durch die besonderen Hefen ermöglicht wird.
Pasteurisiert sind die Biere deshalb noch lange nicht und die von bösen Zungen oftmals unterstellte Verwendung von Chemie ist ebenfalls schlichtweg falsch und liegt meistens in der Ablehnung unbekannter Produkte mancher Mitmenschen begründet.
Doch diese Leute können Ihnen meist auch keine Erklärung dafür geben, wieso frisches Vollbier von kleinen Brauereien in Flaschen nur wenige Monate haltbar ist und die großen Marken mindestens ein Jahr Haltbarkeit auf den Etiketten angeben.
Naja, das wundert wahrscheinlich auch nur Menschen, die für Frischmilch einstehen…

Sie sehen also: Oberflächliche Vorurteile über internationales Bier sind einfach nur fehl am Platze und sollten am besten gleich abgelegt werden.
Denn wir agieren nicht auf dem Niveau von Flatrate-Partys und setzen Bierkultur nicht mit dem Trinken eines Billigbiers aus der Dose während des Fußballspiels gleich.

Ich denke, dass hier in der Vergangenheit einiges an Deutschland vorbeigelaufen ist. Das merke ich schon, wenn ich von Leuten schräg angesehen werde, wenn ich an meinem Bier rieche und es sorgfältig verkoste und mir Notizen mache. Wieso?
Bei Wein ist das mit 1200 Inhaltsstoffen eine Selbstverständlichkeit, doch Bier beinhaltet sogar 7000 bis 8000 unterschiedliche Inhaltsstoffe. Bier lässt sich übrigens perfekt mit Essen kombinieren, egal ob es um exquisite Gourmethappen oder um deftige Kost handelt.
Schon bei der Zubereitung kann man Bier vielseitig einsetzen und verwenden. Das richtige Bier komplettiert erst den Genuss, wie es auch mit Wein möglich ist.
Wieso sonst sollte es heutzutage auch ausgewählte Biersommeliers geben, die die gleichen Aufgaben übernehmen wie die traditionsreichen Weinsommeliers, halt nur mit Bier.
Ich sehe es als mein Ziel an, Ihnen meine gesammelten und erarbeitenden Erfahrungen näher zu bringen und auch Sie auf den Geschmack zu bringen, denn Genießen muss gelernt sein!

Erstaunlich ist vor allem, wie sich doch der eigene Geschmack verändert.
Heutzutage habe ich Bierstile in meiner Lieblingsliste, die ich bei meiner ersten Begegnung zumindest als obskur, manche sogar als sehr exzentrisch empfunden habe.
Doch von dem ersten Eindruck sollte man sich nicht zu sehr lenken lassen, das sieht man auch bei Leuten, die zum ersten Mal einen sehr trockenen Rotwein trinken, wenn sie sonst nur überaus milde und liebliche Versionen kennen. Und wie sieht es aus mit dem Freund von Fruchtjoghurts, der zum ersten Mal einen säuerlichen Naturjoghurt isst?

Ich kann Ihnen nur raten: Wagen Sie den Versuch und lassen Sie sich gerade von den sehr speziellen Bierstilen nicht gleich beim ersten Mal abschrecken. Man sollte die Erfahrung machen.
Die Vielfalt wird durch Betrachtungen der Biere anderer Länder sogar noch größer, da wir in Zukunft unser Sortiment nicht nur auf belgische Biere auslegen wollen, sondern Spezialitäten aus jedem beliebigem Land hinzufügen werden, solange wir sie empfehlen können.
Deshalb wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren und wenn Sie Fragen haben sollten, dann können Sie sich gerne an mich wenden, denn ich freue mich über Ihr Interesse:
info@bierkompass.de

Sebastian Sauer

 


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